Istanbul in Kurz:
Freitag morgen. 5:50 Uhr. Die Maschine steht auf dem Rollfeld des Flughafen Düsseldorf bereit und wird in den nächsten Minuten aus dem regnerischen Ruhrgebiet ins ebenso regnerische Istanbul starten. Was die 8 Teammitglieder dort erwarten wird kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand auch nur erahnen.
Erst zwei Tage zuvor hatte es endlich geklappt, über den Partnerstädtebeauftragten von Mülheim gab es den ersten Kontakt zu Pfadfindern in Istanbul. Diese sollten uns, wie sich später herausstellte, nicht nur gebührend am Flughafen in Empfang nehmen, sondern sich das gesamte Wochenende um uns und unsere Projektbemühungen rührend kümmern.
Gegen 10:00 Uhr Ortszeit landeten wir also in Istanbul und lernten auf der Fahrt zum Hotel unsere durchaus straff durchorganisierten Weggefährten Ali, Kudret und Ninüfer kennen. Nach den ersten Annäherungen tauschten wir uns interessiert über unsere Pfadfinderarbeit aus und schmiedeten Pläne für die nächsten Tage und deren Programm. Am Freitag lernten wir dann noch den Stadtteil Beykoz, dessen Bürgermeister und eine der örtlichen Schulen kennen, in der wir von mehr als 50 Pfadindern und anderen Schülern Starähnlich empfangen und versorgt wurden.
Nach Gesprächen mit Mitgliedern des Lehrerkollegiums, dem Bürgermeister, dem Rektor und einigen schulansässigen Pfadfinderleitern (hierzu muss man wissen das sich die türkische Pfadfinderföderation in einen ehrenamtlichen und einen schulischen, vom Staat unterstützten und organisierten, Teil aufgliedert) fuhren wir, mehr als tief beeindruckt von diesem Empfang, zurück in Richtung Hotel auf die europäische Seite der Stadt.
Am Abend schnupperten wir dann noch ein wenig Bazarluft um am nächsten morgen nach einem Frühstück mit Blick auf den Bosphorus die Stadt zu erkunden. Wiederum von unseren Guides organisiert, nahmen wir alles mit was in Istanbul Rang und Namen hat, von der Sultan Ahmet Moschee über Topkapi bis hin zum Pyerra Lotti auf dem wir den Abend mit einem echt türkisch Mokka abrundeten. Unterstützt hatte uns am Samstag noch Ömer, der mit seinen Deutschübersetzungen so manches interessante Gespräch erst möglich machte.
Den Abend ließen wir dann im Kreise des Teams in einer türkischen Bar bei Live Musik, Rakhi und gemeinsamen Tänzen mit Einheimischen ausklingen.
Am Sonntag ging es dann nach einem partnerschaftlichen Frühstück mit den Bürgermeistern der Stadt Beykoz und der Stadt Mülheim weiter zu bedeutenden Plätzen des Pfadfinderischen Lebens in Istanbul. Nachdem wir noch sämtliche Vorsitzende und Stellvertreter der Schulpfadfinder in Istanbul und dessen Umland zumindest kennen gelernt haben, ging es am Abend auf den Istanbuler Bundeszeltplatz der Föderation.
Hier trafen wir den Bundesvorsitzenden und hatten nach einer kurzen Einführung in die Örtlichkeiten die Möglichkeit unser Projekt vorzustellen. Nach dem achten bis zwölften Tee an diesem Tag und einem sehr interessanten Gespräch im Mannschaftszelt am Ofen bei türkischen Zittermelodien, war man sich einig das der Gedanke des gegenseitigen Austauschs sowohl auf höherer Ebene aber vor allem auch von Gruppen vor Ort eine gute Sache sei und damit unterstützenswert.
Auch wenn wir anschließend sehr eilig abreisen mussten, so waren wir uns doch einig das der erste Schritt zu einem gemeinsamen Projekt getan ist und wir an diesem Wochenende wieder einmal mehr erfahren durften was es heißt zur internationalen Familie der Pfadfinderei zu gehören.
Die Einladungen für das nächste Jahr sind ausgesprochen, und wir freuen uns darauf ein Stück von den guten Erfahrungen zurück zu geben und selber Gastgeber zu sein. Dieses Wochenende wird uns noch lange in Erinnerung bleiben und ständige Motivation für die kommenden Aufgaben sein. In diesem Sinne, Tesekür ederim und Allahaismarladik!Istanbul in lang:
Eigentlich dürfte ich diesen Bericht erst schreiben, wenn die Eindrücke verarbeitet sind. Aber diese Hoffnung besteht nicht. Wie soll man eine solche Reise fassen und dann auch noch in Lettern? Nie hätten wir alle erwartet, dass ein Wochenende in einer eigentlich doch europäischen Metropole einen so aus der Bahn wirft.
Aber zum Anfang:
Nach Pécs in Ungarn, wo unsere Erwartungen, wegen der knappen Vorbereitung übertroffen wurden erwartete uns Istanbul. Und auch hier waren die Vorzeichen eher Produkt von Zufall und Spontaneität. Wir hatten noch keine Antwort der Verbände bis zum Tag der Abreise. Nur mit Hilfe des Mülheimer Partnerstadtbeauftragten gelangten wir an den Beauftragten der Stadt Beykoz (zugehörig zu Istanbul). Ihn trafen wir im Café Central und dann ging alles sehr schnell. Denn nur mit Beziehungen geht es schnell, ansonsten eher gar nicht. Wir bekamen Kontakt zu den Vorsitzenden der Beykozer Pfadfinder. Es sollte sich herausstellen, dass sie uns das ganze Wochenende betreuten und uns das Wochenende arrangierten.
Wir flogen am Donnerstag Morgen um 5 Uhr, so dass wir uns gegen 3:15 Uhr am Diözesanbüro trafen. Ziemlich früh also. Die Fahrt und auch den Flug konnte trotzdem niemand zum Schlafen nutzen, zu aufgeregt waren wir.
Freitags, Ankunft, Begegnung in einer Schule, Abend in Kumkapi
am Flughafen Istanbul wurden wir abgeholt von Ali und Kudret, den erwähnten Pfadfindern, mit dem Bus der Stadt Beykoz. Es ging direkt zum Hotel. Wobei „direkt“ in Istanbul nur die Strecke und nie die zeitliche Dimension erfasst. Istanbul ist zu jeder Tages- zu jeder Nachtzeit in jeder Straße eine A40 ohne Linienführung, mit Ampeln die aber keine Rolle spielen, mit Fußgängern und ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen. Diese Erkenntnis zog sich durch das ganze Wochenende und verursachte so einige Verspätungen. Wobei das Wort “Verspätung“ eigentlich kein Bestandteil dieser Stadt ist, denn die Zeit scheint sich gerade immer so zu strecken, zu kürzen oder zu dehnen, dass alle immer am richtigen Ort zur selben Zeit und immer ausreichend davon haben. Zeit ist nur ein sympathischer Teil des Chaos – es fügt sich alles.
Unser Hotel „Aziyadé“ war für uns die nächsten Tage der abendliche Rückzug in eine gewohnte Umgebung. Es ermöglichte uns aus einem angenehmen „Miniluxus“ heraus die Welt da draußen zu beobachten. Beim Frühstück im siebtem Stock mit einer riesigen Fensterwand konnte man ahnen, was auf uns zu kam, wenn wir wieder ins Auto stiegen und uns der Stadt hingaben.
In der Hotellobby besprachen wir, bei einem Tee (den wir das ganze Wochenende über in Fülle genossen), den Plan für das Wochenende mit Ali und Kudret. Sie hatten einiges an Terminen vorbereitet und waren sichtlich stolz und bemüht es uns recht zu machen und Ihre Stadt und Ihre Pfadfinder in bestmöglicher Art zu zeigen. Wir mussten sie, um Zeit für uns zu haben, etwas bremsen. Trotzdem wurden beide zu echten Freunden und der Umgang war wirklich besonders. Schnell gingen, wie in der Türkei üblich, auch wir Männer Arm in Arm durch die Straßen.
Der erste Termin führte uns in ein Restaurant der Stadt Beykoz, die Fahrt war lang, wir nutzten Sie, um ins Gespräch zu kommen. Aber auch im Restaurant war Zeit dafür. Es gab, wie immer, türkisches Essen, Tee und Süßspeisen. Ein guter Einstieg, wir hatten ordentlich Hunger.
Der nächste Termin führte uns zu einer Schule. In den Schulen ist der „staatliche“ Pfadfinderverband organisiert. Einige Lehrer betreuen hier kleinere Gruppen. Wir standen plötzlich in einer Aula, zwischen 100 Kindern (davon 50 Pfadfinder), dem Bürgermeister, dem Erziehungsbeauftragten der Stadt, Lehrern, Fotografen der Presse und anderen. Es wurde ein neues Schulbuch eingeführt zur Geschichte der Stadt, wir durften es an die Kinder verteilen. Die Kinder wiederum hießen uns willkommen mit Gesang, Sprechchören und Wettknoten, wir bekamen Rosen geschenkt. Der Schuldirektor empfang uns in seinem Büro, das Kollegium im Lehrerzimmer, die Schulkinder auf dem Schulhof und die Pfadfinder in Kleingruppen für mehrere Gruppenfotos. Es war überwältigend und chaotisch. Die Kinder umschwärmten uns wie Popstars.
Wir ließen uns in der Altstadt rauswerfen und liefen zu Fuß zum Hotel, nahmen dabei den großen Basar mit den bunten, unendlich scheinen Gewölbegängen mit.
Nach einer kleinen Ruhephase im Hotel liefen wir noch ins Fischerviertel (Kumkapi). Ein bisschen Spazieren und Essen mit Blick auf das Mittelmeer. Sehr angenehm. Weniger angenehm allerdings war der Weg dorthin durch enge, übel riechende, dunkle und lärmende Gassen. Ein ziemlicher Gegensatz.
Den Abschluss bildete ein Bier auf dem Hotelzimmer mit einer kleinen Lesung aus Pamuks „Istanbul“. „Hüsün“ beschreibt er darin: „fröhliche Melancholie“. In unzähligen Beispielen beschreibt er dieses Gefühl und er trifft das unsere auf den Punkt. Wer das Gefühl nachvollziehen will sollte diese Seiten lesen, meine Zeilen reichen dafür nicht aus.
Samstag: Sightseeing und Nightlife
fing mit etwas Verspätung an. Unsere Freunde holten uns ab zu einem Tag Sightseeing und Ali und Kudret waren sichtlich stolz auf Ihre Heimat und wollte nichts außen vor lassen. So waren wir in der Hagia Sophia, in der blauen Moschee, im Topkapi Palast, in den unterirdischen gewölben und abschließend im Pierreloti. Ein Aussichtpunkt oberhalb einem der drei Friedhöfe Istanbuls. Ein überwältigender Blick auf den Bosporus bot sich uns bei einem türkischem Kaffee. Ein schöner Abschluss für einen Tag, der uns tief in die türkische Geschichte brachte. Bei herrlichstem Wetter genossen wir die schöne Stadt.
Abends verloren wir uns in Taksim, einem Stadtteil vor allem für Jüngere. Die Straße war an diesem eigentlich normalen Samstag brechend voll, über hunderte Meter füllte sich die Fußgängerzone, so breit wie die Kettwiger in Essen. Wir verkrochen uns in einem kleinen Kaffee-Restaurant, Seiteneingang, vierter Stock. Anfangs noch sehr skeptisch und gewillt nach dem ersten Bier zu gehen, gewöhnten wir uns an die folkloristische Live-Musik und bestellten Raki, um bei der Kultur zu bleiben. Am Nachbartisch feierten junge Türken, die alsbald auch tanzten. Wir schlossen uns an und waren ziemlich außer Atem. Nach zwölf fuhren wir in einer abenteuerlichen Taxifahrt in das Restaurant vom Vorabend, aßen und ließen uns bei Ladenschluss in die oberen Stockwerke bringen, wo es Tee, Shisha und einen gemütlichen Ausklang gab.
Sonntag, Zeltplätze, Treffen des Bundesvorsitzenden, Abflug
ging es gleich früh los und wir trafen uns gleich mit Gepäck gegen 9 Uhr. Unser Terminplan bestand aus einem Frühstück mit dem Bürgermeister von Beykoz, dem Bürgermeister Mülheims (Partnerstadt Beykoz) und einigen weiteren Persönlichkeiten, danach folgte ein wenig Sightseeing in der Stadt Beykoz samt botanischem Garten und wunderbarer Aussicht (diesmal etwas schlechtere Sicht). Weiter ging es mit der Besichtigung eines Zeltplatzes nahe Istanbul, geleitet von den Schulpfadfindern inkl. Mittagessen, anschließend Besichtigung des Nationalzeltplatzes der freiorganisierten Pfadfinder mit Führung und Gespräch mit dem Nationalvorstand der türkischen Pfadfinder.
Während die ersten Treffen eher repräsentativen Charakter hatten und die Ausflüge uns noch einmal kulturelle Vielfalt zeigten, war das Treffen mit dem Bundesvorstand der wichtigste Termin des Wochenendes. Neben den zahlreichen Gesprächen mit Ali und Kudret über unsere Ziele und Vorhaben, haben wir die gesamten Tage die Detailfragen auf diesen Nachmittag verschoben. Nach einem ausführlichen Rundgang auf dem relativ neuen Zeltplatz mit Baracken, Büros, Pappzelten für den Winter, Bogenschießplatz, Paintballplatz und und und, ging es bei türkischer Pizza und Tee an den „Verhandlungstisch“. Die Atmosphäre war ebenso freundlich und humorvoll wie vorher mit Ali und Kudret, allerdings lag schon eine ruhige Spannung in der Luft. Wir stellten unser Projekt vor und tauschten Traditionen und Verständnis von Pfadfinderschaft aus. Unter der Bedingung seiner Einladung wieder zu kommen zu folgen, wirklichem Austausch und der Bitte auch die türkischen Mitbürger im Ruhrgebiet einzubinden, beschlossen wir die neue Partnerschaft. Auch die türkischen Pfadfinder wollen sich mit dem Kulturhauptstadtbüro Istanbuls in Verbindung setzen, um eigene Möglichkeiten auszuloten.
Von dort ging es direkt zum Flughafen. Wir verabschiedeten dankbar unsere beiden Begleiter und tauschten Tücher (schon vorher konnten wir diverse Geschenke entgegennehmen) und stiegen in den Flieger nach Hause. Ich denke der letzte von uns war gegen 4 Uhr im Bett.
Fazit: Überwältigend
Nicht nur die Dimensionen der Stadt, sondern auch die Gegensätze innerhalb dieser Metropole. Wo trifft man schon zwei Kontinente, diverse Religionen, europäisches Denken und altorientalische Sitten und Gebräuche in einer Stadt. Die Pfadfinder waren dabei eine dritte Kultur und wir lernten einiges über Ihre Organisation: Es gibt zwei Verbände, einen an Schulen (finanziert und begleitet von den Behörden) und einen freien Verband. Beide arbeiten seit kurzem zusammen, ihre ideele Basis ist allerdings die selbe. Ähnlich wie in Ungarn ist es ein sehr ursprüngliches Bewusstsein von Pfadfinderei: Knoten, Singen, etc. Regelmäßig finden Lager statt, sowohl im Sommer, als auch im Winter.
Wir gehen ebenso wie aus Pécs auch aus Istanbul mit einem guten Gefühl nach Hause. Die Partnerschaften scheinen einen guten Lauf zu nehmen und die türkischen Freunde werden wir hoffentlich bald wiedersehen. Da Beykoz Partnerschaftsstadt von Mülheim ist und die Diözesanebene mit den Istanbuler Pfadfindern die Partnerschaft anstrebt suchen wir nun eine Gruppe, einen Stamm der Lust hat auf einen Austausch mit einer Gruppe in Beykoz. Wir werden Ali und Kudret, ebenso wie Lászlo und Miklós im April wiedersehen.